SYMPOSIUMS-RÜCKBLICK

Symposium - Programm

Impressionen

Pädagogik vom Kind her denken

  Einem Symbol der Kinderrechte war dieser Tage an der Pädagogischen Hochschule im 10. Wiener Gemeindebezirk ein internationales Symposium gewidmet: Janusz Korczak, 1878 in Warschau in eine vermögende jüdische Familie hineingeboren, war Kinderarzt, Schriftsteller, vor allem aber visionärer Pädagoge. Seine Ansichten und Überzeugungen waren das komplette Kontrastprogramm zum Denken der damaligen Zeit, in der man Kindern absoluten Gehorsam abverlangte und ihren Status weit unter jenem der Erwachsenen ansah. Ganz anders die Gedankenwelt Korczak`s. Er sah das Kind als Individuum, dem man zuhören und von dem man lernen sollte. Er sah es als selbständige Persönlichkeit, die dem Erwachsenen gleichberechtigt war, und er setzte auf Partizipation. Korczak formulierte seine Gedanken nicht in einer systematischen Pädagogik, wie der Erziehungswissenschafter Univ.-Prof. Dr. Karl Garnitschnig in seinem Referat ausführte, sondern in Form einer fantastischen Erzählung, weil ihn sonst die Menschen dieser Zeit nicht verstanden hätten. Wie sollten sie auch? Damals war das Leben der Kinder von Zucht, Ordnung und Gehorsam geprägt. Körperliche Strafen standen an der Tagesordnung. Korczak`s Aussagen klangen in dieser autoritären Welt als revolutionär und realitätsfern. Er verlangte, das Verhalten der Kinder genau zu beobachten und ihre Reaktionen auch exakt schriftlich festzuhalten. Eine wissenschaftliche Herangehensweise, die er aus der Medizin, aus der er kam, ableitete. Schon als 5-Jähriger sprach er davon, dass er die Welt verändern möchte, und später dann, als Leiter zweier Waisenhäuser, wollte er mit seiner Erziehung die Gesellschaft verändern, sie demokratischer gestalten. Er bezeichnete Kinder als unterdrückten Teil der Gesellschaft und setzte sich sein Leben lang gegen deren Unfreiheit ein. Korczak forderte von Lehrern und Erziehern eine kritische Haltung und Reflexion, die notwendig sind, um Fehler in der Erziehung zu erkennen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Garnitschnig: „Kein Wunder, dass es bald hieß: Lasst euch nicht auf Korczak ein, er ist unbequem“.

 Korczak beließ es aber nicht nur bei theoretischen Abhandlungen, er setzte seine Überzeugungen sehr erfolgreich in die Praxis um. Ab 1912 leitete er das Waisenhaus „Dom Sierot“, sieben Jahre später kam „Nasz Dom“ hinzu. Rund 200 Kinder hielten sich gleichzeitig bis zum 14. Lebensjahr in den Warschauer Waisenhäusern auf und erhielten dort nicht nur Bildung, sondern sie entwickelten auch eine selbstbewusste, auf Eigenverantwortung gegründete Persönlichkeit. Sie wurden dort zu selbstbestimmten Jugendlichen, die in geistiger Freiheit entlassen wurden.

 

Ein großer Themenbogen wird beim heurigen Janusz Korczak-Symposium gespannt, das am 29. und 30. April 2022 in der Pädagogischen Hochschule im 10. Wiener Gemeindebezirk stattfindet. Experten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich werden die Erwartungen an eine kindergerechte Pädagogik beleuchten und dabei Bezug auf den pädagogischen Erneuerer und Vordenker Janusz Korczak nehmen.

 Agata Skalska M.A, Kindheitspädagogin an der Hochschule Düsseldorf, wird über die Themen Partizipation und Rechte der Kinder sprechen. Sie kritisiert, dass in einer von Erwachsenen dominierten Lebenswelt Kinder nur eingeschränkte Artikulations- und Einflussmöglichkeiten hätten. Kinder sollten jedoch nicht nur ein Recht auf Mitwirkung bei den sie direkt betreffenden Bereichen haben, sondern auch bei gesellschaftlich relevanten Themen, die sie indirekt oder erst viel später betreffen würden. Auch bei der Wissensproduktion sollten sie mit einbezogen werden, so Skalska.

Prof. Michael Kirchner von der Universität Bielefeld wird mögliche Bedingungen für ein gelingendes Zusammenleben zwischen Kindern und Erwachsenen am Beispiel der Waisenhäuser „Dom Sierot“ und „Nasz Dom“ in Warschau reflektieren. Dort hat Janusz Korczak seine wegweisende Pädagogik der Achtung in die Praxis umgesetzt. Anhand dieses “pädagogischen Raums“, wie Kirchner die beiden Waisenhäuser bezeichnet, lassen sich vier zwischenmenschliche Beziehungen ausmachen, die ein gutes Zusammenleben fördern. Kirchner betont vor allem die Bedeutung von Kooperation und Solidarität in den zwischenmenschlichen Beziehungen.