Das Handy

 

Was hätte Korczak gemacht, wenn die Kinder aus seinem Waisenhaus über viele Stunden am Handy spielen und im Internet surfen?

 

Das mobile Telefon mit Internet ist aus der Welt unserer Kinder nicht mehr wegzudenken. Es gehört nun mal zu unserem Leben dazu, ob uns das gefällt, oder nicht. Und es werden in Zukunft noch andere Geräte und Verlockungen dazukommen. Wie gehen wir damit um? Verbieten?

 

Was ist die Konsequenz dessen, wenn ich meinen Kindern verbiete am Handy zu spielen? Sie machen es trotzdem, aber heimlich. Tun so, als würden sie im Zimmer lesen, verstecken das Handy unter dem Polster, wenn ich ins Zimmer komme. Was ist das richtige Maß? Und vor allem, wer bestimmt das?

 

Ein Kind hat das Recht über die Dinge mitzubestimmen, die es betreffen.

 

Ein Kind hat das Recht, auf den heutigen Tag.

 

Das Recht auf den heutigen Tag? Was, wenn mein Kind am liebsten über Stunden hinweg etwas auf seinem Handy macht? Eine Mischung aus Wissens- Youtube- Videos und Internetspielen, Whatsapp und was es sonst noch gibt.

 

Ich finde das nicht gut. Mir würde es besser gefallen, mein Sohn verbrächte seine Freizeit draußen, mit anderen Kindern, mit Klettern und Ballspielen, so wie ich es als Kind gemacht habe. Aber ich habe keinen tollen Garten hinter meinem Haus. Seine Freunde sind verplant mit Freizeitaktivitäten oder auch mit 12 Jahren noch bis 16 Uhr täglich in der Freizeitbetreuung der Schulen. Seit er in eine neue Schule geht hat er auch ein Smartphone, damit er nicht von den Whatsapp-Gruppen ausgeschlossen ist, in denen sich die anderen Kinder organisieren und über die sie sich miteinander verbinden. Seit Herbst muss ich mir immer wieder die Frage stellen, ob das, wie ich damit umgehe, richtig ist?

 

Zunächst habe ich versucht mit ihm zu verhandeln, wie viele Stunden sinnvoll sind. Wir haben Zeiten vereinbart. Gehalten hat er sich nicht daran. Also musste ich als Konsequenz das Handy zeitweise wegsperren. War das notwendig, damit unsere Verabredung Sinn ergibt? Wofür mache ich mit ihm etwas aus, an das er sich nicht hält? Wo aber war die Grenze zum Machtmissbrauch? Wenn ich Gewalt brauche, um ihm das Gerät zu entreißen, weil er es nicht freiwillig abgibt? Habe ich das Recht, seine freie Zeit zu bestimmen? Muss ich als Mutter Grenzen setzen, nur weil ich selbst etwas als „nicht sinnvoll“ erachte. Muss alles „ voll Sinn“ sein, was er in seiner Freizeit tut?

 

Momentan versuche ich nicht dauernd an ihm herumzumeckern, weil ich mir denke, dass das auch nicht gut für ihn ist, wenn ich permanent signalisiere: das was du tust ist in meinen Augen nicht wertvoll. Und ich kann ja gar nicht sagen, ob es wirklich so ist. Ich merke, wie gut er sich mit der Technik auskennt- weit besser als ich, weil er alle möglichen Sachen ausprobiert, das Internet erforscht, neugierig ist.

 

Von seiner Zeit ist viel fremdbestimmt. Die Zeit in der Schule, wo er nicht seinen eigenen Interessen nachgehen kann, sondern lernen muss, was zu diesem Zeitpunkt vorgegeben ist und mit Menschen, die er sich nicht frei wählen kann und die Fahrzeit hin und zurück. Nachmittags muss er Hausaufgaben machen, Vokabeln lernen, sich für Schularbeiten vorbereiten. Er muss ein bisschen im Haushalt mithelfen und seinen Hamster versorgen. Frei gewählt hat er sich die Zugehörigkeit zu einem Sportverein, wo er dreimal die Woche trainieren geht und oft länger bleibt, weil es ihm Spaß macht. Er zeichnet gerne und wenn wir etwas unternehmen, lässt er freiwillig sein Telefon zuhause.

 

Ich bemühe mich darum, ruhig zu bleiben. Ihn zu lassen. Im Vertrauen darauf, dass es für ihn Sinn macht. Im Vertrauen darauf, dass ich ihm die ersten 11 Handy- und Computerspielefreien Lebensjahre lang genug andere Sachen gezeigt habe, auf die er früher oder später zurückgreifen kann. Wenn er das möchte.

 

Vielleicht muss ich zur Kenntnis nehmen, dass ich gar nicht weiß, was für ihn sinnvoll ist, und was nicht, weil ich nicht einschätzen kann, wie seine Zukunft aussieht, und was er dann alles können muss.

 

Ein Kind hat das Recht auf den heutigen Tag.

 

Was denkt Ihr?

Irmy NOVOTNY